Die Kerngruppe und die Mitglieder
“Ein wichtiger Schritt, den jede Gründungsinitiative irgendwann gehen muss, ist die Definition: Wer ist die verbindliche Gruppe, die jetzt gemeinsam plant? Dies geschieht meist nicht gleich beim ersten Treffen, sondern es finden mehrere Treffen mit Interessierten statt, aus denen sich dann langsam eine verbindlichere Gruppe mit einer gemeinsamen Ausrichtung herausschält. Bevor genaue Eckpunkte festgelegt werden, sollte eine erste Kerngruppe definiert werden. Als Idealgröße für eine Kerngruppe, die ein Projekt konkret weiterentwickelt, hat sich hier eine Gruppengröße von drei bis acht Menschen herausgestellt – groß genug, um schon eine Gruppe zu sein, und noch klein genug, um wirklich von allen getragene Eckpunkte festzusetzen, die der Gruppe eine gewisse Kontur geben und helfen, die erforderlichen nächsten Schritte umzusetzen.
Wesentliche Kriterien zum Konstituieren der Kerngruppe sollten sein: die Bereitschaft, sich verbindlich zu engagieren und in das Projekt einzusteigen (dies kann zum Beispiel die Verabredung sein, dass Kosten auf alle umgelegt werden), das Teilen der gemeinsamen Ausrichtung und die Tatsache, dass alle aus der Gruppe zu allen in der Gruppe »Ja« sagen. »Ja, ich möchte mit dir zusammen dieses Gemeinschaftsprojekt aufbauen!« Das ist ein wichtiger Schritt in der Geschichte der Gruppe und sollte entsprechend gefeiert werden! Wenn das Projekt nicht aus einer kleinen Gruppe heraus erwächst, sondern durch öffentliche Informationsveranstaltungen oder durch Einladungen gleich mit einer größeren »Interessiertengruppe« startet, ist es oft ein schmerzhafter Prozess herauszuarbeiten, wer letztendlich genau die Gruppe ist, die gemeinsam das Projekt realisieren möchte. Der Prozess der Bildung einer Kerngruppe wird oft herausgezögert, weil er eine Positionierung der Einzelnen und eventuell auch eine Ausgrenzung beinhaltet.
Ich möchte an dieser Stelle Mut machen, alle drei oben genannten Kriterien aktiv abzufragen:
- Ein bewusstes »Ja« aller Kerngruppenmitglieder zueinander,
- Eine dezidierte Zustimmung zur gemeinsamen, schriftlich formulierten Ausrichtung (siehe hierzu auch Punkt 2.1.2, »Intention«),
- Festlegung der Erwartungen am finanziellen und zeitlichen Engagement für die Realisierung des Projektes. (Das finanzielle Engagement kann zum Beispiel auch in einem Prozentsatz des Monatseinkommens bestehen.)
Die Kerngruppe wird mit der Gruppenkultur, die sie entwickelt, die Kultur der zukünftigen Gemeinschaft stark prägen. Daher ist es bereits in dieser Phase wichtig, eine Gemeinschaftskultur der achtsamen und offenen Kommunikation herzustellen. Frühzeitig an diesem Thema zu arbeiten, gemeinschaftsbildende Wochenenden zu verbringen und sich aktiv um Trainings in Gemeinschaftsfragen und Kommunikation zu bemühen gehört zum wesentlichen Erfolgsrezept. Es erhöht die Realisierungschancen gewaltig, wenn eine Kerngruppe klar definiert ist und ein starkes Gemeinschaftsgefühl entwickelt. Nichtsdestotrotz sollten sich alle Gründungsinitiativen bewusst sein, dass so gut wie nie alle Mitglieder der ersten Kerngruppe tatsächlich in das Wohnprojekt einziehen werden – ganz unabhängig davon, wie stimmig sich alles bei der Kerngruppengründung angefühlt hatte! Denn der Weg bis zur Realisierung ist lang, es müssen an vielen Stellen Entscheidungen gefällt werden, und das Leben der Kerngruppenmitglieder besteht nicht nur aus dem Projekt. Es ist ganz normal, dass sich die Gruppe im Laufe der Zeit verändert – manche werden sie verlassen, und andere werden hinzukommen. Das ist kein Scheitern der Gemeinschaft, sondern ein natürlicher Prozess.“
Ein Auszug aus dem Buch von Stützel, Eva. Der Gemeinschaftskompass: Eine Orientierungshilfe für kollektives Leben und Arbeiten (S.47). oekom verlag.
