Zuerst das Projekt oder die Gruppe?
Eine Strategiediskussion, die insbesondere in Wohnprojekten immer wieder geführt wird, ist die Diskussion darüber, ob zuerst die Gruppe oder zuerst ein Haus bzw. Gelände gefunden werden sollte. Es gibt gute Argumente und erfolgreiche Beispiele für beides, genauso wie es Beispiele gibt, in denen der eine oder der andere Weg nicht funktioniert hat. Beides sind mögliche Wege. Ich empfehle den Mittelweg, zunächst eine tragende, überschaubare Kerngruppe von drei bis acht Menschen/Parteien aufzubauen und dann mit dieser Gruppe den Ort zu suchen, an dem das Projekt in die Praxis umgesetzt werden kann.
Wenn eine Einzelperson oder ein Paar sich für einen Ort entscheidet und erst danach eine Gruppe dafür sucht, ist die Gefahr groß, dass es stets »das Projekt der Gründer« bleibt. Es ist wichtig, dass ein Gemeinschaftsprojekt schon in einer frühen Phase ein Projekt einer kleinen Gemeinschaft ist. Ich nenne das gern »Kerngruppe«, manche Gruppen nennen es »Feuerkreis«. Ab der Rechtsformgründung wird dann oft von »Genoss:innen« oder »Kommanditist:innen« gesprochen. In dieser Kerngruppe sollte sich schon eine eigene Gemeinschaftskultur entwickeln, die das spätere Projekt prägen wird. Es ist sinnvoll, in dieser kleinen Gruppe die gemeinsame Intention und die Eckpunkte des Projektes herauszuarbeiten und festzulegen, denn in einer kleinen Gruppe kann eine klare Ausrichtung definiert werden, ohne dass zu viele Kompromisse eingegangen werden müssen. Ist die Gruppe zu groß, bevor der eigentliche Ort gefunden wird, an dem das Projekt realisiert werden soll, ist es wiederum schwieriger oder sogar unmöglich, sich auf ein Objekt zu einigen.
Die Erfahrung zeigt, dass viele Projekte an der Entscheidung für ein Objekt scheitern und nie die Schwelle zur Realisierung überwinden. Sich für einen Lebensort zu entscheiden hängt von sehr vielen, ganz persönlichen Faktoren ab. Mit jeder weiteren Person in der Gründungsgruppe steigt das Risiko, sich nicht einigen zu können, deutlich. Die Entscheidung für einen Standort bringt häufig mit sich, dass ein Teil der Gruppe sich entscheidet, doch nicht mitzukommen. Oft weigern sich Gemeinschaftsinitiativen aus falsch verstandener Gemeinschaftssolidarität dann, sich für ein Objekt zu entscheiden, die Gruppe soll ja nicht gespalten werden. Dies erging vielen Initiativen so, die großen Wert auf Gemeinschaftsbildung legten und dann kein Objekt fanden, das alle Ansprüche erfüllen konnte. Ich möchte alle Gruppen ermutigen, eine Projektrealisierung an einem Ort, zu dem ein Teil der Gruppe nicht »Ja« sagen konnte, nicht als »Scheitern« oder »Spaltung« zu betrachten, sondern eher als eine Art »Zellteilung«, durch die aus einem Projekt zwei oder mehrere entstehen, die freundschaftlich verbunden bleiben können.
Das Projekt an dem neuen Ort wird dann neue Menschen anziehen, die wichtig für dieses Projekt sind. Es gibt in der deutschen Gemeinschaftsszene viele Beispiele, in denen aus einer Gründungsinitiative mehrere Projekte hervorgegangen sind.
Ein Auszug aus dem Buch
„Der Gemeinschaftskompass: Eine Orientierungshilfe für kollektives Leben und Arbeiten“ (S.141) von Eva Stützel; oekom verlag
